Tag 13 Rückreise Joensuu, Campingplatz Taavetti, Stille

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Oder in unserem Fall: Das Birkenholzkörbchen. Seit unserer Ankunft jagen wir ihm hinterher: Dem perfekten Brotkorb. Kimmo verbindet mit dem Flechtwerk aus dünnem, weichem Birkenholzstreifen Kinderheitserinnerungen. Er ist der festen Überzeugung, dass jeder anständige, halb skandinavische Haushalt eines besitzen sollte. Aber wie das so ist mit den Kindheitsidealen: Die Gefahr ist groß, dass die Gegenwart im Vergleich abfällt. So ist kein Holz bisher weich genug, kein Korb hat die richtige Größe oder den richtigen Preis. Hinzu kommt: Die finnische Handwerkskunst des Birkenkorbflechtens ist im Verschwinden begriffen. Die Stände mit Korbwaren, die Kimmo von den Märkten seiner Kindheit kennt, es gibt sie nicht mehr.
Doch in Joensuu, dem Mekka für karelische Lebensart, da soll es sie geben die Stände voller Birkenflechtwerk.

Das ist, was wir begehren!

So brechen wir am Morgen extra früh auf in Lieksa. Das ist unserem Fall 9:00 Uhr. Um 11:00 Uhr erreichen wir Joensuu, was so viel wie Flussmündung bedeutet. Tatsächlich gibt es in der Ortsmitte ein Zentrum für karelische Handwerkskunst. Es ist beheimatet in zwei klassischen Holzhäusern und den dazu gehörigen Schuppen in der Ortsmitte. Leider werden hauptsächlich Textilien angeboten. Die Kinder decken sich mit finnischer Wolle in schönen Aqua-Tönen ein. Pixie entdeckt in einem Laden einen kleinen Bären, in den sie sich verliebt. Bisher haben wir eine Erweiterung des Kuscheltier-Zoos erfolgreich abgewehrt. Jetzt geben wir nach, obwohl wir bei genauerer Betrachtung merken, dass das Bärchen im Westfälischen Viersen produziert wird. Es lebe der europäische Binnenmarkt!

Auch auf dem Wochenmarkt in Joensuu werden wir nicht fündig, aber ich entdecke Lakka! Auch Wolken- oder Moltebeeren genannt. Ein Kilo kostet 20€. Die Beeren sind sehr selten. Sie wachsen nur in Moorgebieten in bestimmten Ländern der nördlichen Hemisphäre. Sie gelten als echtes Superfood, voller Antioxidantien und wichtiger Spurenelemente. Unsere Mummo sagt, wenn man beim Beerenpflücken in Finnland auf Lakka stößt, dann sperrt man seinen Mund zu, freut sich und spricht mit niemanden darüber. Noch nicht mal mit seinen Schwestern! Sie zwinkert. „Das ist wie eine Goldader!“
Den Mund zu verschließen, ruhig zu sein, scheint mir im Übrigen eine Kardinaltugend der Finnen zu sein. Selbst im geschäftigen Treiben des Wochenmarkts herrscht eine erstaunliche Stille. Als ich aus Freude über meinen Beerenfund, nach Kimmo rufe, dreht sich der halbe Platz zu mir um. Ich ernte vorwurfsvolle Blicke, nicht nur für meine Aussprache. Ich habe während unseres gesamten Aufenthalts in Finnland nicht eine Mutter nach ihren Kindern rufen hören. Wie machen die das?
Die Beeren sollen auf jeden Fall herrlich mit Vanille-Eis schmecken. Auch aus Korbfrust, schlage ich zu. Die nächsten drei Tage essen Kimmo und ich Lakka mit Vanille-Eis, weil unsere Kinder den eher dezenten Geschmack nicht zu schätzen wissen. So richtig überzeugt bin ich auch nicht. Die Beeren sind säuerlich und erinnern mich im Geschmack entfernt an Kaktusfeigen. Kimmo ist aber selig. Auf die Kindheit!

Eigentlich wollten wir den Campingplatz in Lappeenranta als Zwischenstopp zur Übernachtung nutzen. Doch wir disponieren kurzfristig um, nachdem ich mehrere abfällige Kommentare über die hygienische Situation der Sanitäranlagen im Internet gefunden habe. Das fehlt mir noch! Vom Regen in die Traufe kommen. Über Schotterstraßen erreichen wir den Campingplatz in Taavetti. Ein Ort, den selbst die Finnen in ihren Bewertungen für seine Ruhe loben. Das hätte mir zu denken geben sollen! Aber die Bilder der kleinen, aber feinen Duschen, haben alles überschattet.

Die günstigste Übernachtung bisher, aber man ist mitten im finnischen Nirgendwo. Außer den Besitzer sehen wir stundenlang niemanden, obwohl der Platz gut besucht ist. Wir stehen direkt neben einem Spielplatz, den nur unsere Kinder nutzen. Sie finden kleine Frösche und sind begeistert. Kimmo und ich sind befremdet, ob der absoluten Stille. Man hört nur das Rauschen der Birken und das Quaken der Frösche. Wenn wir ein Seil an einem der Bäume festgeknotet fänden, das uns tiefer in die Wildnis führte, wäre das nicht verwunderlich. Könnten wir dem Impuls widerstehen, das Ende des Seils zu suchen? Am nächsten Morgen entfliehen wir der gespenstischen Stille sehr zur Enttäuschung unserer Kinder und fahren weiter nach Porvoo.

Tag 9 Sonne am See

Das Jedermannsrecht in Finnland ist eine feine Sache. Stark vereinfacht besagt es, dass Jeder – unabhängig von Pronomen, Staatsangehörigkeit oder Alter – die Natur genießen darf. „Wildes Campen“, Beeren sammeln, Bootfahren und Angeln sind mit einigen Ausnahmen erlaubt. Kinder, also die unter 18 Jahren, dürfen sowieso fast alles. Das finnische Umweltministerium hat ein übersichtliches PDF zu den Regelungen rund um das Jedermannsrecht in Finnland erstellt. Elektronische Kommunikation können die Finnen!

Beeren sammeln
Überall im Wald rund um den Campingplatz wachsen reife Blaubeeren. Allerdings wächst dort auch die schwarze Krähenbeere. Die Beeren sehen den Blaubeeren sehr ähnlich und sind zwar nicht giftig, aber auch nicht so richtig lecker.
Die wilden Blaubeeren haben nur wenig mit den kultivierten Blaubeeren zu tun, die wir aus unseren Gärten kennen. Sie sind viel kleiner, mal sauer, mal süß. Vergleichbar vielleicht eher mit der Preiselbeere, aber doch anders. Wir pflücken zwei Stunden. Die meisten Beeren landen direkt im Bauch.
Am Ende kaufe ich Blaubeeren an einem Stand in Lieksa von einer sehr netten Vietnamesin. Ich koche Blaubeer-Marmelade, die alle lieben. Im Citymarket finde dann professionelles Blaubeerpflückzubehör.

Erlaubt ist es auch, alles zu pflücken, was grasartig wächst. Die Mädchen schenken mir Blumensträuße aus schmalblättrigem Weidenröschen, Labkraut, Lupinen, Schafgarbe, Mädesüß und Margeriten. Das wächst hier alles wild und üppig. Finnland ist wahrlich ein reiches Land!

Angeln
Reich auch an Fischgründen. Pixie hat sich im Outdoor-Shop eine einfache Angelrute gekauft. Nachdem drei Erwachsene trotz diverser Tutorials an der Montage der Leine scheitern, laufe ich zur Rezeption des Campingplatzes. Als mich der Betreiber des Campingplatzes entdeckt, wie ich hoffnungslos verheddert in der Leine, mit dem Angelhaken verfangen in meinen Haaren, beim Versuch scheitere, mit der Angel in sein Büro zu gehen, reagiert er mit einem finnischen Gefühlsausbruch. Er lächelt und das Lächeln erreicht sogar seine Augen.
Dann entheddert er erst mich und dann eine halbe Stunde stoisch die Leine. Etwas weniger geduldig stehe ich daneben und monologisiere hin und wieder auf Englisch vor mich hin.
Was im Anschluss beginnt, lässt sich zu Recht als große Leidenschaft beschreiben: Pixie und das Angeln.
Am ersten Abend fangen die Kinder drei Barsche und eine Brasse. Alle ingesamt klein, aber der Spaß ist riesig. Anfragen der Verwandtschaft, ob die Fische sich nicht auch gegrillt gut machten, werden vehement zurück gewiesen. Der Moment, in dem die munteren Kameraden wieder in den See springen, ist fast so schön wie der Erfolg beim Fischen.

Einen Lachs grillen wir dennoch. Ich kaufe „einen richtig großen Oschi“ für 25 Euro im Citymarket, meiner neuen zweiten Heimat. Die Männer bereiten ihn über Birkenholz auf der Feuerstelle zu. Wir essen, während im Westen hinter dem Sägewerk die Sonne eines ihrer Abschiedsspektakel aufführt.

Tag 7 – Paateri und Polka

Wir sind wieder auf der Straße. Diesmal unter erschwerten Bedingungen. Die Landstraße nach Paateri gleicht eher einer Schotterpiste. Da ist es das „alte Finnland“. An der Straße stehen vergessene Milchhäuschen in Mitten von Wald.
Das Geschirr in den Schränken hüpft im Takt zu „Jukka Poika“. Die Finnen schaffen es, dass sich sogar Reggae schwermütig anhört. Trotzdem fügt sich das Finnische erstaunlich anschmiegsam in den exotischen 4/4 Takt. Diese Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen ist eben auch typisch finnisch.

In Paateri erwartet uns Außergewöhnliches. Urfinnische Handwerkskunst. Seit unserer Ankunft gestern riecht alles nach Holz. Der Campingplatz mit seinen kleinen Mökkis, Campinghütten aus massivem Holz, liegt in Sichtweite eines Sägewerks in einem Fichtenwald. Die Wasserwerfer, die das Holz auf der anderen Uferseite benässen, laufen Tag und Nacht. Ihre Fontänen leuchten in der Abendsonne kupfer. Dieser Bruch unterstreicht die Idylle erst.
Die Künstlerin, Eva Ryynänen, hat hier in Karelien, im Nord-Osten Finnlands in perfekter Symbiose mit der Natur gelebt. Die Finnin erinnert mich auf manchen ihrer Portraits an Astrid Lindgren. Beide Frauen eint nicht nur die Liebe zur Kunst, sondern auch ein Lebensweg, auf dem sich diese Leidenschaft stetig weiter ausprägt. Ein Werdegang, der zur Vervollkommnung führt, weil er ihrer inneren Stimme folgt.

Eva Ryynänen wächst in einer Bauern Familie auf. Eine Familie wie die unserer Mummo. Bereits als Kind schnitzt Eva Spielzeug und Figurinen aus Holz. Mit 18 Jahren schnitzte sie die „Gebrüder auf dem Teufelsstein“. Die Skulptur beruht auf dem Buch „Sieben Brüder“ von Aleksis Kivi. Eine düstere Geschichte über sieben ungleiche Brüder, die auf der Schwelle zum Erwachsenenalter in die Wildnis ziehen und dort zehn Jahre überleben.

Mit diesem Werk bewirbt sich Eva am Ateneum in Helsinki. Dort studiert sie ab 1934 fünf Jahre lang Kunst. Während des zweiten Weltkriegs lernt Eva ihren Mann Paavo kennen. 1944 heiratet Eva und zieht in den Geburtsort ihres Mannes, Paateri in der Nähe von Lieksa.
Sieben Jahre lebt das Paar in einer Sauna am See. Das Wohnhaus stellen sie im Jahr 1957 fertig.

Beide leben über 30 Jahre lang hauptsächlich von der Landwirtschaft. Doch Eva gibt ihre Berufung nicht auf. Sie schnitzt nebenbei, wann immer sie Zeit dazu findet. Sie stellt weiter aus.
Erst im Alter von 61 Jahren wird Eva hauptberuflich Bildhauerin. Ihr Mann Pavvo unterstützt sie als Hilfskraft. Sie bereisen die Welt dank Evas Kunst. Im Jahr 1998 erhält Eva die Ehrendoktorwürde für ihr Lebenswerk.

Eva stirbt im Oktober 2001. Ihr Mann folgt ihr drei Monate später. Sie liegen unter zwei Fichten begraben. Den weißen Schutzengel hat Eva aus Marmor in den 90er Jahren erschaffen.

Evas Mut strahlt. Ihr Werk zeugt von Klarheit und Entschlossenheit. Diese Stätte entwickelt einen Sog, der auch unsere Kinder gefangen nimmt. Pixie wird zwei Tage später mit ihrer ersten Skulptur beginnen. Ein Holzzwerg als Grundpfeiler für die Kirche, die sie uns bauen will. Enni sieht mich an und stellt einmal mehr fest: „Meine Leidenschaft ist das Schauspielern. Ich werde auch nicht aufgeben; Mama!“ Auf diesen „Mäki“ aus Überzeugung möget Ihr Euer Leben bauen, Kinder!

Auf dem Rückweg nach Lieksa singt „Jukka Poika“:

Sä oot silkkii mun sylissäni
Niin kuin lämmin vesi, joka lainehtii
Yhdestä puusta meidät veistettiin
Päästä varpaisiin
Sä oot silkkii mun sylissäni
Niin kuin lämmin vesi, joka läikehtii Sama virtaus, taivas ja maa
Du bist überall auf meinem Schoß wie das warme Wasser, das fließt
Wir wurden aus einem Baum geschnitzt
Von Kopf bis Fuß
Du liegst seidig in meinen Armen Wie warmes Wasser, das glitzert Gleicher Fluss, Himmel und Erde

Ich denke an Eva und an Pavvo und spüre wie ihre Liebe als Idee in mir lebendig bleibt.

Am Nachmittag kehren wir zurück zum Ursprung. Wir besuchen Elmar, Kimmos Tante, in Lieksa. Sie wohnt Unweit vom Elternhaus unserer Mummo in einem typischen Mehrfamilienhaus. Es gibt keine Klingeln, dafür eine Namenstafel im Gang. Wenn abends die Eingangstür abgeschlossen ist, muss man Steinchen werfen. Oder man ruft eben an, auch in Lieksa benutzen natürlich alle schon Handys. Wieder ist die Wohnung im Handumdrehen voller Verwandter. Mervi, eine weitere Schwester, Laari, ein Cousin mit Frau, Kimmos Bruder mit seinen Kindern, Mummo und Ukki füllen die zwei kleinen Zimmer plus Balkon.

Wir essen Karjalan Piirakka mit Ei-Butter. Ein vollkommenes Gericht aus wenigen, einfachen Zutaten. Ich kenne keine andere Speise, die mich so heimelig und geborgen fühlen lässt in dieser Ausgewogenheit von saurem Vollkornroggenteig und süßem Milchreis, der zusammengebacken diese Sämigkeit ergibt. Ja, wie Seide am Gaumen. Abgerundet von der salzigen Ei-Butter… Oh, Du heilige Pirogge! Wie ich Dich liebe.
Nach dem Essen spülen die Schwestern in der Küche ab. Hier ist von der angeblichen Wortkargheit der Finnen nichts mehr zu spüren. Sie lachen, fallen sich ins Wort und necken einander. Ich verstehe kein Wort, bin aber froh über den Anblick. Kimmo trägt mit seinem Cousin eine Tür in den Keller und schickt mir ein Foto.

Ich frage Mervi nach dem Bunker im Keller. Sie antwortet mir: „Ja. Wie gehst Du mit einem Nachbarn um, den Du nicht magst?“ Ich zucke mit den Schultern. „Ich versuche ihn zu ignorieren?“ „Nein“, antwortet Mervi. „Du tanzt mit ihm, bist aber vorbereitet.“ Ich nicke anerkennend, dann schnappe ich mir das Geschirrhandtuch.
Mervi schaltet das Radio an. Wir tanzen Polka in der Küche. Der Tag endet wieder mit einem dieser Sonnenuntergänge.

Vieles wirkt heute in mir nach. Was für eine Kraft diese Schwestern verbindet, dass ihr Band und nun schon über tausende Kilometer über so lange Zeit besteht! Und natürlich die Verbindung von Eva und Pavoo. Das Wichtigste auf der Welt ist die Liebe. Oder um Eva Ryynänen zu zitieren, nach der Aussage ihres Werkes befragt: „Das Land ist mein Ausgangspunkt. Der Mensch wächst aus dem Land, ist eins mit der Natur. Wir sind dazu bestimmt, auf diesem Planeten zu leben, auf dem Frauen ihre Kinder mit Milch gebären und großziehen – und wofür? Um glücklich zu sein, denke ich.“

Tag 6 Landstraße nach Lieksa – Kloster Valamo

Sie sind Fan von „Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands“? Dann werden Sie „Die endlosen Landstraßen Finnlands“ lieben! Wir reisen mit dem Wohnmobil von Lahti nach Lieksa. Die Höchstgeschwindkeit von 120 km/h reizen wir nie ganz aus, weil unser Wohnmobil schon bei 95 km/h beachtlich ins Schlingern gerät, auch wenn Kimmo das nicht zugeben möchte.
Die meisten Straßen sind einspurig, oft darf man auch noch 80 km/h fahren und alle zwei Kilometer steht ein Blitzer. Die Finnen nehmen das sehr ernst mit dem Tempolimit. Ich zähle die Schilder, die vor marodierenden Elchen warnen, deren Häufigkeit zunimmt, je weiter wir gen Norden fahren.
Es gibt übrigens Elchtouren, die Touristen buchen können. Man fährt dann in eine Hütte im Wald und wartet Tage bis ein Elch kommt. Einheimische setzen sich einfach auf einen Stuhl an eine Lichtung und warten ein bis zwei Stunden, meint Kimmos Cousin. Ich bin mir nicht sicher, ob er mich damit auf den Arm nehmen wollte.

Gegen Mittag rasten wir im Kloster Valamo. Kurz bevor wir es erreichen, frage ich mich, wie ein Kloster in dieser zerklüfteten Moorlandschaft zwischen tausend Seen und noch mehr Wäldern wohl aussieht. Ich stelle mir ein paar große Blockhütten vor. Rustikale Häuser mit Männern, deren Gesichter von Wetter und Witterung gegerbt sind. Thoreau kommt mir in den Sinn.

Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben und nur den wesentlichsten Dingen des Lebens gegenüberstehen. Ich wollte versuchen, ob ich nicht seine Weisheiten empfangen könnte, damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte. Nichts anderes als das Leben wollte ich leben. Das Leben ist so kostbar. Wenn es irgend möglich war, wollte ich nicht verzichten. Intensiv leben wollte ich, das Mark des Lebens in mich aufsaugen. Hart und spartanisch wollte ich leben, um alles auszurotten, was nicht Leben war, einen breiten Schwaden zu schlagen dicht über dem Boden.“ (Walden)

Kannte Thoreau Finnland? Ich werde zukünftig „Walden“ nicht mehr ohne dieses Land denken können.
Dann zeigt sich uns das Kloster auf einem Hügel mit leuchtend weißen Kuppeln. Die Sonne scheint und einen Moment sind wir in Griechenland. Die bierbäuchigen Mönche in schwarzen Roben erinnern eher an die Hohenpriester antiker Bacchanale als an asketische Selbstgeißelung.


Das Kloster Uusi Valamo war ursprünglich ein russisch orthodoxes Kloster. Es ist das einzige orthodoxe Männerkloster in Finnland. Seit Ende der 70er Jahre wird dort finnisch gesprochen, um sich den finnisch-orthodoxen Christen zu öffnen. Die Mönche keltern Wein und brauen Kotikalja. Ein Dünnbier, das wir uns ordentlich schmecken lassen, bevor wir weiter fahren. Es soll die die Verdauung beleben, so heißt es. Ohne allzu sehr ins allzu Menschliche abzurutschen, möchte ich anmerken, dass mir diese Wirkung nach einer Woche Camping durchaus gelegen käme. Das Campen und ich, das ist ein Thema für sich.
Die Mönche verkaufen in ihrem Shop selbst gekelterten Wein, regionale Handwerkserzeugnisse und handbemalte Ostereier aus der Ukraine. Der Erlös der Ostereierei wird gespendet. Als ich einen der Verkäufer anspreche, wohin die Gelder fließen, erklärt er, dass sie Einnahmen an geflohene Gläubige aus der Ukraine gingen. „We are Finnisch. We are against the war.“, setzt er nach. Angesichts der zahlreichen russisch sprachigen Besucher eine erstaunlich offene und eindeutige Erklärung.

Wir fahren weiter. Ich meckere die ganze Zeit, Kimmo versucht trotzdem Schwerlastzüge und Holztransporter zu überholen. Das werden auch immer mehr, je weiter nördlich wir kommen Ein ganz normaler Familienurlaub halt!

Am Abend kommen wir an. Lieksa belohnt unsere Mühen mit einem dieser spektakulären Sonnenuntergänge, wie es sie nur hier oben im Nordosten gibt. Immer noch kein einziger Mückenstich!

Tag 4 und 5, Lahti und Familientreffen

Zuerst einmal, liebe Sportsfreunde, Kommentatoren und Ski-Springgemeinde, es heißt „Lachti“! Auch wenn es Lahti geschrieben wird, ist das „a“ kurz und das „h“ wird zu „ch“. Die Aussprache von Finnischen Orten und Namen ist ein Dauerthema in unserer erweiterten Kernfamilie. „Es wird doch fast alles einfach so ausgesprochen, wie es auch geschrieben wird.“, pflegt meine Schwiegermutter zu sagen. „OU“ wird eben hintereinander wie „O“ und „U“ ausgesprochen. „Und wenn man zwei Konsonanten schreibt, dann will man die doch auch hören. Sonst braucht man sich die Mühe doch gar nicht erst zu machen!“ Ich habe mir angewöhnt, einfach viel zu nuscheln. Dann weiß man nicht, ob es Unfähigkeit oder nur ein Sprachfehler ist.

„Bitte den Hund anleinen!“ „Es besteht keine Notwendigkeit hier mit dem Fahrzeug anzuhalten!“

Heute lernen Enni, Pixie und ich also die große Familie von finnischer Seite kennen – in Lahti. Unsere Mummo hatte zehn Geschwister, von denen ein Großteil nicht mehr lebt. Der Rest hat sich aus Karelien über ganz Finnland und die halbe Welt verteilt. Über 20 Verwandte finden sich trotzdem aus allen Landesteilen heute ein. Vielleicht auch weil allen klar ist, dass es nicht mehr allzu viele Reisen meiner Schwiegereltern in dieser Art geben wird. Seit mein Schwiegervater dieses finnische Mädchen, das damals in Hamburg als Aupair arbeitete, in der Mitte der 60er Jahre kennengelernt hat, hat er sie regelmäßig zurück gebracht in die Heimat. Mein Mann hat in Finnland die ersten Jahre seiner Kindheit verbracht. Aber wahrscheinlich ist dieses sogar das letzte Mal, dass man so zusammenkommt. Umso mehr rührt mich dieser Einsatz der vermeintlich so kühlen Finnen. In Deutschland hätte das so nicht geklappt. Da bin ich mir sicher. Aber vielleicht ergibt es eben einen anderen Zusammenhalt, wenn auf einer Fläche, die fast so groß ist wie Deutschland, nur ca. 5,5 Millionen Menschen leben. Davon gut zwei Drittel im Ballungsraum Helsinki-Tampere-Turku im Südwesten von Finnland.
Endlich lerne ich auch Kimmos Cousin „Kerkko“ kennen, dessen Eltern bei der Namenswahl bei seinem Bruder „Terror“ und ihm einen eigenen Standard in unserer – in dieser Hinsicht sehr einfallsreichen – Familie gesetzt haben. Ich neige mein Haupt in Ehrfurcht!

Die Kulisse für dieses Treffen kann malerischer nicht sein: Ein abgelegenes Restaurant auf der größten von drei kleinen Insel in einem See, die man nur über einen Steg vom Festland aus erreicht. Es wäre Bullerbü, wenn Bullerbü nicht schwedisch und das mit den Schweden und den Finnen nicht so eine Sache wäre. Es ist einfach ein skandinavischer Traum. Im historischen „Myllysaari Paviljong“ befindet sich das Restaurant „Kommodori“, wo wir leckeren Fisch und ordentliche Karjalanpiirakka essen.

Es fühlt sich an, als sei man zu Gast bei Freunden. So drehen sich die Gespräche dann schnell um vertraute Themen:

  • Die Spaltung der Gesellschaft durch die Pandemie und die Unsicherheit im Umgang mit „den Anderen“, „den Querdenkern“ und „den Alten“.
  • Ein Vakuum an konservativen Kräften der Mitte in der finnischen Gesellschaft, das Raum für Populismus schafft.
  • Die Landflucht, die die Wohnungsnot im Südwesten verstärkt, während der Nordosten stirbt, in den wir als nächstes reisen werden. Eine Entwicklung, die eben auch mit der Verleugnung oder einer eher einer sozialen Distanz zwischen dem alten und dem neuen Finnland einhergeht. Das neue Finnland des technologischen Fortschritts, des Wohlfahrtstaats, der Bildung und das alte Finnland der Tristesse, der relativen Armut und Perspektivlosigkeit, das schräge Gestalten ausgeprägter Individualität wie die Figuren des Aki Kaurismäki hervorbrachte.

Aber Kerkko winkt ab. Kaurismäki, das sei halt eine Persiflage. „Dieses Finnland gibt es nicht. Nicht mehr. In Lieksa!“, sagt er und lacht. „In Lieksa, da gibt es das noch!“

„Als der Krieg angefangen hat, da habe ich Dich angerufen, Kerkko. Wir haben überlegt, wo man jetzt hin soll. Wo ist es jetzt noch sicher?“, meint Iina, Kimmos Cousine. „Ja,“ antwortet Kerkko, „da dachten wir, wir fahren nach Lieksa, weil da nichts ist. Da ist nichts, was die Russen wollen.“ Kerkkos Lachen wird bitter. „Dann haben wir gesehen, was die Russen in der Ukraine machen. Jetzt wissen wir, man ist nirgendwo mehr sicher.“ „Ja, nicht solange es Waschmaschinen und Toiletten gibt!“, stimme ich zu. Wir lachen zusammen. Ich fühle mich erleichtert. Die Positionen hier in Finnland sind klar. Es gibt eine eindeutige Haltung zu Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine, zur Nato und zum eigenen Land. Selbst bei Kerkko, dem ehemaligen Kommunisten, der sich 15 Jahre für den finnisch-russischen Austausch engagiert hat. Über die Jahre hat er enge Bande nach Russland geknüpft. Die Mutter seiner Tochter ist Russin. Es ist ihm wichtig festzuhalten: „Alle sprechen immer von Putins Krieg, aber ich sage, das stimmt nicht. Es ist ein Krieg der Russen. Sie sehnen sich nach einer lang vergangenen Zeit, die so nie existiert hat. Sie sehnen sich nach einer Illusion.“
Als seine Tochter ihn neulich gefragt hat, wo sie nach ihrem IT-Studium hingehen sollte, konnte er ihr nichts raten, fügt Kerkko noch hinzu. „Kanada, vielleicht …“

A cartoon by Liana Finck. #NewYorkerCartoons

Nicht nur die Themen vereinen die westlichen Gesellschaften, sondern auch ein gewisses Gefühl der Ratlosigkeit.

Abends auf dem Campingplatz Messilä denke ich, dass Kerkko Unrecht hat. Der Patz ist fest in finnischer Hand. Viele Dauercamper! Außer uns nur noch eine deutsche Reisegruppe aus Minden, sonst noch eine Handvoll Schweden und Norweger, aber wirklich nicht viele. Die deutschen Urlauber erkennt man an ihren Fleecejacken. Bei knapp 20 Grad und Nieselregen trägt der Finne auf dem Campingplatz T-Shirt. Auf der Wiese vor dem Strand ist ein großer Park aus Hüpfburgen aufgebaut. Die Kinder freuen sich. Beim Abspülen nach dem Abendbrot höre ich finnischen Schlager, mit dem die Terrasse des Bistros beschallt wird. Er klingt schwülstig und nach Fernweh.
Auf der Terrasse sitzen alleinstehende Damen und Herren einzeln an Tischen und trinken Bier. Sie schauen vor sich hin. Einige Herren tragen auch Hawaii-Hemden zur bunten Shorts. Das wirkt rührend deplatziert, eben sehr finnisch. Hier treffen sich das alte und das neue Finnland.

Für den nächsten Tag haben wir uns nichts vor genommen. Langsam beherrschen wir die Technik und so etwas wie Erholung setzt ein. Wir sind schon eine Woche unterwegs und haben noch keinen einzigen Mückenstich.

Tag 3 Helsinki – Ausflug nach Suomenlinna

Der Preis ist heiß

Hier die Auflösung: Dieser Design-Klassiker der Firma Aarikka ist 24 x 16,5 cm groß und kostet 516€. Aarikka stellt auch bezaubernde rote Holzzwerge her. Wir besitzen dank unserer finnischen Verwandtschaft zwei Stück, die ich in einem Tresor aufbewahre und nur zu Weihnachten herausnehme. Das ist auch der Grund, warum wir in der Adventszeit niemand in unser Haus lassen. Die Kette aus blauen Holzperlen liegt da auch, die mir feierlich nach der Geburt meines zweiten Kindes überreicht wurde. Nein, ganz so war es nicht, aber das nennt man künstlerische Freiheit. 😉

Doch wenn Ihr denkt, der Sprit in Deutschland sei teuer, dann herzlich Willkommen in Finnland.

Wir nutzen weiterhin lieber, wann immer es geht, die öffentlichen Verkehrsmittel. Die Metro in Helsiniki hat zwei Strecken, die teilweise sogar parallel verlaufen, wenn ich das nicht komplett falsch verstanden habe. Süß! Unsere Lieblingshaltestelle heißt „Siilitie“ oder auf Schweden „Igelkottsvägen“. Noch süßer! Die Kinder liegen immer halb unter dem Metrositz, wenn die Ansage kommt. „Die hat Igelkotze gesagt!“ „Jahaaa.“
Das läuft bei uns. Vom Markt am alten Fischhafen fährt übrigens auch eine kostenlose, also im Metro-Ticket inbegriffene, Fähre auf die Museumsinsel „Suomenlinna“. Eine alte Befestigungsanlage vor der Stadt.

Dort kann man:

  • Pulla, finnische Zimtschnecken, für 5€ oder Eis für 3,60€ pro Kugel essen.
  • ins Spielzeugmuseum gehen. Der Besuch der drei Räume mit Puppen kostet 20€.

Oder man kann:

  • lustige Fotos machen für 0€.
  • auf alte Kanonen klettern für 0€.
  • Gänsefedern sammeln für 0€.
  • Feen verfolgen für 0€.
  • spazieren gehen für 0€.

The best things in life are free. Während Ihr in Deutschland schwitzt, schalten wir die Heizung im Camper an. Es sind 16 Grad und uns ist kalt.